Wie auch immer… nennt sich halt Studie

nst_titleVor ein paar Tagen wurden die Ergebnisse einer neuen Studie mit dem schönen Titel

Emissions from Electronic Cigarettes: Key Parameters Affecting the Release of Harmful Chemicals
(Emissionen von elektronischen Zigarette: Schlüsselparameter beeinflussen die Freisetzung schädlicher Chemikalien)

veröffentlicht. Der Titel nimmt bereits das Fazit der Studie vorweg. Eigentlich auch nichts Neues… also nichts, was nicht schon bekannt wäre… durch andere Studien und durch den gesunden Menschenverstand mit einer Prise Logik und ein wenig wissenschaftlichen Verständnis.

Logisch gibt es Parameter, die dafür sorgen, dass ungesunde (und ungenießbare) Stoffe entstehen. Jeder, der schon einmal einen ordentlichen Dryhit bis in den letzten Lungenzipfel inhaliert hat, kann jetzt hustend und zustimmen nicken. Danke, reicht schon.

Die meisten der in der Studie „gefundenen“ Stoffe sind auch schon bei anderen Untersuchungen gefunden worden. Das ist auch nichts Neues.

Nun wird angegeben, dass sogar zwei „neue“ Stoffe gefunden wurden, die im Verdacht stünden, karzinogen zu sein, also krebsauslösend. Gut, das mag sein. Dass diese Stoffe bei anderen Untersuchungen nicht gefunden wurden, mag daran liegen, dass nicht gezielt nach ihnen gesucht wurde und dass sie in ausgesprochen geringen Mengen im Dampf enthalten sind.

Insgesamt wird in der Studie unheilschwanger dramatisch formuliert, es werden aber keinerlei Vergleichsgrößen genannt. Sehr viele der gefundenen Stoffe finden sich auch in der Raumluft oder sogar im Atem eins Menschen. Und die Mengen werden als immens dargestellt, schaut man sie sich aber einmal genauer an und beachtet die „Dimensionen“, so kann man durchaus erleichtert aufatmen. Viele der angegebenen und immens erscheinenden Mengen sind als
ng ml-1 angegeben… als Nanogramm (= 1.000 E-9 g = 0.000001 mg = 0.001 µg) pro Milliliter verdampftes Liquid.

Sämtliche Daten liegen auch uns noch nicht vor, weil man von der Studie nur den „Abstract“ lesen kann, wenn man nicht bereit ist $ 40 hinzulegen (würde ich glatt machen, wenn ich annehmen würde, es handele sich um seriöse und wissenschaftlich wertvolle Daten… aber für einen Haufen Müll bezahle ich nicht so viel). (Der Text der Studie liegt uns mittlerweile vor.) Einige Daten und auch Beschreibungen von Versuchsaufbau und -durchführung sind aber inzwischen „durchgesickert“ und die bestätigte meine erste Vermutung so ziemlich… es wurden Verdampfer älterer Generation (und nicht mehr so ganz zeitgemäßem Funktionsprinzips) mit ordentlich Leistung und realitätsferner Nutzung malträtiert… auf dass man auch ja was schlimmes findet.

So wurde beispielsweise ein „topaktueller“ CE4 mit 4.8 Volt beglückt… es wurden in jeweils fünf Sekunden 50 ml Dampf rausgezogen, dann wurde 25 Sekunden gewartet und wieder fünf Sekunden… na… das Ganze halt insgesamt 25 Minuten(!) lang. Nochmal: mit einem CE4 und 4.8 Volt… unter anderem mit einem 50:50 VPG-Liquid. Wer noch so ein Teil zu Hause hat, der darf das gerne mal ausprobieren. Spätestens ab dem fünften oder sechsten Zug würde ich den „Dampf“ aber nicht mehr inhalieren, weil das wohl eher den Charakter von Rauchgas einer brennenden Dämmmatte hat. Auf die genauen Werte (soweit bekannt) gehe ich hier nicht genau ein, sondern verweise einfach mal auf einige Quellen, in denen das auch gleich kommentiert wurde [1] [2].

Wer sich Gedanken über die Dimensionen der gefundenen Substanzen (und auch über die Substanzen) macht, kann sich leicht selbst beruhigen, indem er mal bei rursus reinschaut [3] [4] [5] [6]

Als ich die ersten (englischsprachigen) Artikel, die sich auf die Studie bezogen und Schlüsse daraus gezogen haben, gelesen hatte, dachte ich zunächst an einen Fake. Nicht unbedingt, was die Studie selbst anbelangt, aber was die Berichte und gewisse Fotos anbelangte.

Schaut bitte mal selbst (Bilder hier nur als Link zum Archiv):

Bild 1: Berkeley Lab researchers

Das Bild zeigt einen Teil des Wissenschaftler-Teams in ihrem Labor, wie sie Dampf aus einem CE4 mittels Schlauch und Glasspritze ziehen (der Dampf wirkt auf dem Bild eher wie Milch… aber das wird wohl an der Belichtung liegen).

Bild 2: Berkeley Lab researcher Mohamad Sleiman

Noch einer aus dem Team

Geschaut? Ich habe herzlich gelacht! Zuerst dachte ich echt, das wären Fake-Bilder aus einer Freak-Show. DAS sollen seriöse wissenschaftliche Experimente sein? So pumpt man Dampfproben aus einem Verdampfer und denkt, das würde die Realität abbilden?

Ich habe dann mal ein wenig auf den Seiten des LBNL recherchiert… und musste feststellen, dass es sich wirklich um die in der Studie erwähnten Mitarbeiter handelt… dementsprechend wird Bild 1 auch wiedergeben, wie da gearbeitet wurde. Zumindest Spaß scheinen sie gehabt zu haben.
Aber genug dazu. Das, was wir jetzt zu erwarten haben und was ja auch schon an Einschlägen vorhanden ist, ist die eigentliche Katastrophe. Die Medien greifen das auf und verkünden die Horrormeldung wo es nur geht… ohne die eigentlichen Fakten anzuschauen und die Aussagen der Wissenschaftler diesbezüglich mal kritisch zu hinterfragen.

Den Pulitzer-Preis bekam aber wieder einmal das Heilpraxisnet. Was die aus den Informationen gemacht haben und was sie sich noch für hanebüchenen Schwachsinn dazu gesponnen haben, schlägt dem Fass echt die Krone übers Ohr.

Wer sich das wirklich antun möchte, findet hier den Artikel

Weitere krebserregende Substanzen im Dampf von E-Zigaretten festgestellt (bei archive.org)

Hier jetzt die beiden Highlights (in meinen Augen):

Forscher finden Propylenglycol und Glycerin im Dampf von E-Zigaretten

Die Wissenschaftler stellten fest, dass in dem Dampf enthaltenes Propylenglycol unsere Augen und Atemwege reizt. Enthaltenes Glycerin könne unsere Haut, die Augen und die Atemwege reizen. Viel schlimmer sei allerdings, dass diese beiden Chemikalien als krebserregend gelten, erläutern die Wissenschaftler.

So, so… wenn man ein Liquid, das aus PG und VG besteht, verdampft, dann findet man also PG und VG im Dampf. Das ist ja mal sensationell. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.
Leider scheint der Verfasser des Artikels entweder im Englischunterricht meistens gepennt zu haben oder er hat beim Lesen der Studie nebenbei den Fernseher an gehabt und sich mehr auf die „Reality-Doku“ als auf das Lesen konzentriert zu haben. Wer Lesen kann, ist klar im Vorteil. Die Studie erwähnt zwar PG und VG, aber in dem Satz noch weitere Substanzen und als letztes Acetol und Propylenoxid. Im nächsten Satz schreiben sie dann „The latter … is a possible carcinogen and respiratory irritant.“ Das bedeutet: „Letzteres … ist ein mögliches Karzinogen und Atmungsreizmittel.“ Krebserregend sind also nicht PG und VG (gerade bei VG wäre das fatal, weil der menschliche Körper das selbst bei Stoffwechselvorgängen produziert). Propylenoxid ist möglicherweise krebserregend.

Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass auch das Verdampfen zu kardiovaskulären Schäden führen kann.

Leider vergessen sie auf diese Untersuchungen zu verweisen. Solche Studien sind mir nicht bekannt. Aber egal… einfach mal behaupten… die Leute glauben das schon.
Wer sich mit der Materie befasst… also vornehmlich wir Dampfer… der hat keine Probleme mit solchen Artikeln und kann das leicht einordnen und für sich als Unwahrheit entlarven. Leider werden aber solche Medien von vielen Personen gelesen, die nicht in der Materie stecken und sich auch keine großen Gedanken darüber machen (was absolut in Ordnung ist). Die allerdings wurden dann wieder mit Fehlinformationen gefüttert und hinterfragen das nicht (auch das ist verständlich und nachvollziehbar). Ausbaden müssen es aber wieder wir Dampfer, wenn wir ungefragt auf die unglaubliche Gefährlichkeit des Dampfens angesprochen und „belehrt“ werden.
Und noch viel schlimmer ist die Möglichkeit, dass ein Raucher, der es in Erwägung gezogen hat, vom Tabakrauchen auf das vielfach weniger schädliche E-Dampfen umzusteigen, durch solch einen Schund davon abgehalten wird.

Ich bin gespannt, wie hoch die Welle noch wird, die diese Studie, die zielgerichtet das E-Dampfen verunglimpfen soll…


[1] http://factsdomatter.co.uk/2016/07/outpourings-hot-air/

[2] http://blog.thedripclub.com/no-they-didnt-find-new-carcinogens-in-your-e-cigarette-vapor

[3] http://blog.rursus.de/2015/12/diacetyl-es-ist-einfach-dinge-kompliziert-zu-machen/

[4] http://blog.rursus.de/2015/07/kennen-sie-vocs/

[5] http://blog.rursus.de/2015/01/formaldehyd-wie-man-aus-moskitos-elefanten-braet/

[6] http://blog.rursus.de/2014/11/formaldehyd-eine-falschmeldung-geht-um-die-welt/

 

Weitere „Sensationsartikel“ über die „tödliche Gefahr“ durch E-Dampfgeräte (alle archive.org):

E-cigarette study reports how to improve safety

E-cig vapor releases two cancerous chemicals, new study says (kein archive.org – StartpageSuche)

Study lays out new evidence of e-cigarette dangers

Study Confirms e-Cigarettes as Dangerous as Regular Cigarettes; Finds Source of Toxicity

New e-cig dangers revealed: Devices get ‚more toxic with every puff‘, scientists say – as they spot two new carcinogens in the vapour

E-cigarettes emit harmful chemicals, research suggests

Dämpfe von E-Zigaretten: Forscher finden weitere krebserregende Stoffe

 

Text:

proof e-cigs_cpy_01 proof e-cigs_cpy_02

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proof e-cigs_cpy_07 proof e-cigs_cpy_08

 

 

PepeCyB de

 

 

fuettern-erlaub-klein-500t
Wie auch immer… nennt sich halt Studie
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5 comments for “Wie auch immer… nennt sich halt Studie

  1. 2. August 2016 at 8:18

    Das (Bild 1) ist Steam-Punk aller erster Güte, erinnert mich stark an den Spielfilm „12 Monkeys“, an die durchgeknallten Wissenschaftler in der Zukunft, die auch in solch einem steampunkigen Gebäude hausten. Es fehlt jetzt nur noch die Stimme aus dem Off, die von Bob … Das „Bild 1“ wurde bestimmt im Heizungskeller aufgenommen 😉

    Du hast recht, diese Untersuchung ist die reinste Comedy.

  2. Regina Mantovani
    26. September 2016 at 1:06

    Das Rauchen habe ich mir abgewöhnt. Habe Angst jetzt auch noch mit dem Dampfen aufhören zu müssen, weil Liquid und Hardware demnächst nicht mehr zu bekommen oder zu bezahlen sind.

  3. Armin
    28. Januar 2017 at 20:08

    Liquidhimmel hatte den C4+ in 2012 mit 4.5 Volt getestet. Nach 4-5 Zügen schmeckte es bereits „brandig“ weil bei halbvollem Tank zuwenig Liquid nachfliesst. Selbst bei gelegentlichem kippen des Verdampfers war das Ergebnis noch nicht zufriedenstellend.

    https://youtu.be/eCdjT-Ya0Es?t=358

    Daraus ziehe ich 2 Schlüsse:

    1. Wenn’s giftig wird (weil zu heiss) schmeckts man offenbar sofort
    2. Wenn man ein Negativbeispiel konstruieren will wird man in der Masse der Produkte wohl auch immer irgendwo ein „geeignetes“ finden das bei nicht sachgemässem Betrieb die gewünschten Werte liefert.

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