Der lachende Dritte?

Ende August veröffentlichte der „feine“ Herr Glantz einen kurzen Artikel über eine „Studie“ ganz nach seinem Geschmack:

More evidence that ecigs are as dangerous as cigarettes for human lung disease (Weitere Beweise, dass E-Dampfgeräte genauso große Gefahren wie Zigaretten bergen, eine Lungenkrankheit zu erleiden)

Gemeint ist hier einmal nicht der Lungenkrebs, sondern es geht um das Risiko, an chronic obstructive pulmonary disease (Chronische obstruktive Lungenerkrankung = COPD) zu erkranken. Seine Aussage gründet er auf eine Studie von Robert Tarran und Kollegen mit dem Titel „Chronic E-Cigarette Use Increases Neutrophil Elastase and Matrix Metalloprotease Levels in the Lung.

Nun, diese Studie birgt zahlreiche Schwächen, man könnte sagen, schade um das Papier, auf welches die Studie geschrieben wurde.

Jedenfalls hat der bekannte Experte für Tabakkontrolle und Forscher im Bereich der öffentlichen Gesundheit, Professor Michael B. Siegel, diese Aussage aufgegriffen und am 02.09.2019 auf seinem Blog „The Rest of the Story“ einen Artikel dazu geschrieben.

Tobacco Company Claims that Smoking is No Worse than Vaping for Human Lung Disease (Tabakunternehmen behauptet, dass Rauchen nicht schlimmer in Bezug auf Lungenerkrankungen beim Menschen ist, als das Dampfen)

In dem Artikel führt er ein „Interview“ mit einem Sprecher (der nicht genannt werden möchte) eines großen US-Tabakkonzerns (der nicht genannt wird) über deren Pressemitteilung zu dieser Studie.

Er fragt ganz unverblümt, wie der Konzern denn zu der Aussage käme, dass das Dampfen in Hinblick auf COPD genauso schädlich sei, wie das Tabakrauchen. Ebenso unverblümt packt der Konzernsprecher aus, dass man sich auf die o. g. Studie berufe, man also „Beweise“ für diese Aussage habe.

Im Verlauf des „Interviews“ zerlegt Siegel die Aussagekraft der Studie und lässt sich jede einzelne fatale Schwäche der Studie von dem Sprecher bestätigen:

Gab es denn schon Todesfälle an COPD, bei denen die Krankheit durch das Dampfen ausgelöst wurde? Schließlich müsste es doch zumindest EINEN Fall geben.

Antwort des Sprechers: Nein!

Als „Beweis“ führt der Sprecher die Studienergebnisse an, die bei Dampfern erhöhte Werte von neutrophiler Elastase und die Matrix-Metalloprotease in der Lunge nachgewiesen haben.

Auf die Frage, ob es denn, abgesehen von diesen Ergebnissen bei den Studienteilnehmern Anzeichen einer chronischen Lungenerkrankung gab?

Antwort: Nein!

Gab es denn wenigstens Marker für ein Frühstadium der Erkrankung? Wie viele der Dampfer in der Studie hatten abnormale Spirometriemessungen?

Antwort: Keiner!

Ob denn viele der Studienteilnehmer ehemalige langjährige Raucher waren, was die Ergebnisse erklären könnte?

Antwort: Ja, das werde in der Studie auch eingeräumt.

(PepeCyB dazu: Spätestens an dieser Stelle hätte man die Studie in den Müll werfen können.)

Es gab insgesamt 14 Dampfer bei der Studie. Neun von ihnen waren ehemalige Raucher. Nur fünf waren Nichtraucher.

Eine Mehrheit der Dampfer hatte also in der Vergangenheit geraucht. Wie viele Jahre lang haben sie geraucht und wie lange ist es her, dass sie mit dem Rauchen aufgehört haben?

Antwort: Das steht nicht im Paper der Studie.

Ausgehend davon, dass nur die Ergebnisse der Dampfer herangezogen wurden, die vormals nicht geraucht haben, wie waren denn bei diesen die gefundenen Enzymwerte?

Antwort: Steht das nicht im Paper???

Ist es denn nicht eher wahrscheinlich, dass die besorgniserregenden Ergebnisse daraus resultieren, dass es sich bei den meisten Studienteilnehmern um Raucher handelte?

Antwort: Ich nehme es an!

Damit hat Siegel die Studie endgültig zerlegt. Nun fragt er den Sprecher des Tabakunternehmens, wie er denn zu der Aussage käme, Dampfen sei genauso gefährlich, wie das Rauchen.

Dieser stellt nun klar, dass man sich um solche „pingeligen Details“ gar nicht kümmere. Die Studie sei mit ihrer Aussage einfach ein Marketing-Geschenk für die Tabakindustrie, denn sie könne dafür sorgen, dass Raucher eher beim Tabak blieben, wenn denn das Dampfen auch so gefährlich wäre. Das Rauchen sähe damit nicht mehr so „schlimm“ aus.

Auf die Frage, ob er denn nicht befürchte, von Anti-Tabak-Aktivisten angegriffen zu werden, winkt er ab. Die ANTZ hätten sich inzwischen derart auf das Dampfen konzentriert, dass sie ihr eigentliches Kerngeschäft, den Kampf gegen den Tabakrauch, längst aus den Augen verloren haben. Das einzige, was das große Geschäft mit dem Tabak noch bedrohe, sei das E-Dampfen, das mit dieser Studie diskreditiert wurde. Die Tabakindustrie freue sich darauf, dass die FDA bald mit neuen Regelungen den Dampfermarkt endgültig zerstören wird.

Starker Tobak, oder? (uuups… ein Wortspiel)

Nun, Prof. Siegel hat direkt unter dem „Interview“ eine „Aktualisierung“ platziert:

CORRECTION: I apologize. I made a mistake. I pulled the trigger too quickly. Hearing that a press release was issued claiming that smoking was no more hazardous than vaping, I naturally assumed that it must have originated from a tobacco company. Who else would draw such a sweeping conclusion from a single study showing cellular changes in vapers, most of whom had a long history of smoking? And especially in light of the fact that the paper didn’t even bother to present the results for the vapers who didn’t smoke? But I stand corrected. The claim was actually made by an anti-tobacco researcher on his blog. I apologize for any inconvenience my mistake may have caused.

KORREKTUR: Ich entschuldige mich. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich drückte zu schnell auf Veröffentlichen. Als ich hörte, dass eine Pressemitteilung herausgegeben wurde, in der behauptet wurde, dass das Rauchen nicht gefährlicher sei als das Dampfen, nahm ich natürlich an, dass es von einem Tabakunternehmen stammen muss. Wer sonst würde eine so umfassende Schlussfolgerung aus einer einzigen Studie ziehen, die zelluläre Veränderungen bei Dampfern zeigt, von denen die meisten eine lange Geschichte des Rauchens hatten? Und vor allem angesichts der Tatsache, dass sich das Papier nicht einmal die Mühe gemacht hat, die Ergebnisse für die nicht rauchenden Dampfer zu zeigen? Aber ich habe mich korrigiert. Die Behauptung wurde tatsächlich von einem Anti-Tabak-Forscher in seinem Blog aufgestellt. Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten, die mein Fehler verursacht haben könnte.

Das ist ein schriftlicher Zwinkersmiley… zumindest sehe ICH das so.
Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ein Sprecher eines Tabakunternehmens so unverblümt über die schäbigen Absichten seines Arbeitgebers in einem Interview spricht – Vertraulichkeit hin oder her. Zumal dann noch mit einem Professor, der sich auf Tabakkontrolle und Harmreduction spezialisiert hat. Das wäre mehr als dumm.

Nach meiner Auffassung ging es hier darum, die „Studie“ allgemeinverständlich und deutlich zu zerlegen. Das geschah in der Form eines fiktiven Interviews. Denn WO soll denn der Unternehmenssprecher plötzlich hergekommen sein, wenn gar kein Tabakunternehmen hinter der Pressemitteilung, die ja eigentlich nur ein Blogbeitrag des „feinen“ Herrn Glantz war, steckte? Prof. Siegel nutzt hier ein fabelartiges Stilmittel (das ich ab und an auch ganz gerne nutze… mit Lampukistan), um die Absurdität der Schlussfolgerungen aus der „Studie“ transparent zu machen.

Schließlich zeigt er mit den „Aussagen“ des Sprechers auf, welche Folgen ein verantwortungsloser Umgang mit Bullshit-Studien haben könnte. Während die Pharmaindustrie (interessant in dem Zusammenhang auch der Spiegel-Artikel „Warum Pharmakonzerne die Gegner der E-Zigarette unterstützen“ in der Ausgabe 35/2019, S. 100ff.) solche Studien nutzt, um gegen das Dampfen zu agieren und die eingefleischten Dampf-Gegner dabei willig mitspielen, spielt das dem „lachenden Dritten“, nämlich der Tabakindustrie, in die Karten. Solche Figuren, wie der „feine“ Herr Glantz und seine Entsprechungen in vielen Ländern sorgen damit, dass sie sich fast ausschließlich wie die Geier auf das Dampfen gestürzt haben, dafür, dass das Tabakrauchen aus ihrem Fokus und damit auch aus dem öffentlichen Fokus herausrückt.

Fatal ist wieder einmal die Wirkung in der Öffentlichkeit, denn solche Aussagen sind geeignet, Raucher vom Umstieg auf die unschädliche Alternative E-Dampfen umzusteigen.

Sollte das Interview tatsächlich SO stattgefunden haben und authentisch sein… dann wäre ich extrem erstaunt… und würde das hier in der Nebelkrähe selbstverständlich richtigstellen.


  1 comment for “Der lachende Dritte?

  1. 12. September 2019 at 3:22

    Also ein Sprecher eines Unternehmens wird es niemals Anonym machen, denn er ist der Sprecher des Unternehmens.
    Ein Unternehmen nennt sich eigentlich immer, denn egal ob gut oder schlecht der Name ist Werbung.

    Jedoch ist ein Tabakkonzern auch nicht der Lachende Dritte, denn die haben so ziemlich alle deutlich gemacht das die Zeit der Tabak Zigarette endlich ist.

    Es ist allerdings so ein Raucher der aufhören möchte und dann solch einen Schrott wie diese Studie lesen darf und leichtgläubig ist (das Problem ist ja leider weit verbreitet) wird dann wohl eher gerne mit Medikamenten versuchen aufzuhören die Pharma freut sich, die eingekaufte WHO freut sich und der Raucher der jetzt eine leckere Pille nimmt ärgert sich weil er eventuell extreme Nebenwirkungen feststellen wird und dafür auch noch ganz viel Geld bezahlt.

    Dabei wäre es alles so einfach gewesen man hätte sich nur etwas länger Informieren müssen.

    Gruß
    Bindhammer

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